Kreisverkehr am Parlament in Edinburgh
Der Kreisverkehr am schottischen Parlamentsgebäude in Edinburgh

Alles halb so wild: Keine Angst vor dem Linksverkehr

Ohne Linksverkehr wäre Großbritannien wie Fish ohne Chips oder Cream Tea ohne Sahne. Kurz: Es würde etwas Entscheidendes fehlen.

Und gerade dieses Entscheidende bereitet vielen Urlaubern einiges Kopfzerbrechen, manchen sogar Probleme. In meiner Verwandtschaft kenne ich einige, die wegen des Linksverkehrs nicht mit dem Auto nach Großbritannien reisen. Das ist schade. Denn wie ich finde, entdeckt man England, Schottland und Wales am besten mit dem Auto. Es gibt zwar ein Schienennetz. Aber die Pünktlichkeit der Züge hat noch viel Luft nach oben. Und das Radwegenetz beginnt sich gerade erst einmal zu entwickeln.
Daran zeigt sich: Großbritannien fährt Auto.

Abenteuer Linksverkehr

Daher möchte ich Euch Mut machen, Euch auf das Abenteuer Linksverkehr einzulassen.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass der Linksverkehr reine Übungssache ist. Als vor vielen Jahren meine Eltern mit mir als 19-jährigen Fahranfänger in Blackpool Urlaub machten, ließ mich mein Vater ans Steuer. „Fahre den anderen Autos einfach hinterher“, riet er mir. Und das tat ich. Je öfter ich in den 14 Tagen fahren durfte, desto sicherer wurde ich und kam sogar gut durch die Kreisverkehre.

Den Rat meines Vaters gebe ich an Euch weiter. Wenn Ihr in Dover, Hull oder Newcastle die Fähre verlasst, bleibt Euch sowieso nichts anderes übrig, als bis mindestens zum ersten Kreisverkehr den anderen Autos hinterherzufahren. Da alle auf der vermeintlich falschen Straßenseite unterwegs sind, sammelt Ihr Eure ersten Erfahrungen, dass in der nächsten Zeit der Bürgersteig der Fahrerseite näher liegt, als Ihr es von Deutschland gewohnt seid.

Seltsames Gefühl beim Fahren

Ja, es ist ein komisches, vielleicht sogar beklemmendes Gefühl. Ständig glaubt man auf der falschen Straßenseite zu fahren und hat den Drang auf die „richtige“ Seite zu wechseln. Und dieses Gefühl werdet Ihr während Eures gesamten Urlaubs auch nicht los. Es schwächt sich nur ab. Ich reise schon seit vielen Jahren durch Großbritannien, und mir geht es immer noch so.

Die wenig befahrenen Straßen wie hier in den schottischen Highlands eignen sich nicht zum Üben

Die Städte sind das beste Übungsgebiet

Das ist auch der Grund, weshalb für Großbritannien-Neulinge Städte die richtigen Orte zum Üben sind. Immer fährt jemand vor Euch her, an dem Ihr Euch orientieren könnt. Auf dem Land, etwa auf verkehrsarmen Straßen in den Highlands, ist die Gefahr immens groß, aus der Gewohnheit heraus auf die rechte Seite zu wechseln. 

Akklimatisiert Euch daher zunächst ein, zwei Tage in Edinburgh, Newcastle oder in einem der schönen Orte an der englischen Südküste, bevor Ihr Euch auf eine Reise durch das Vereinigte Königreich begebt.

So fährt man korrekt im englischen Kreisverkehr
Im Vereinigten Königreich gelten andere Regeln im Kreisverkehr

Herausforderung Kreisverkehr

Nicht verschweigen möchte, dass nicht nur das Linksfahren eine Herausforderung ist. Das Gleiche gilt auch für die Kreisverkehre mit zwei und mehr Spuren. Und hier ganz besonders.
In Deutschland ist es in der Regel so: Eilige fahren auf einer der inneren Fahrbahnen. Autofahrer, die es gemächlicher angehen lassen oder als Ortsunkundige unsicher sind, welche Ausfahrt sie nehmen sollen, bleiben auf der Außenspur.

In Großbritannien hingegen müsst Ihr bereits wissen, welche Ausfahrt die richtige ist. Denn bei der Einfahrt in den Kreisverkehr dürft Ihr nur die erste Spur nehmen, wenn Ihr diesen Kreisverkehr auch an der ersten Ausfahrt verlasst. Bei einem dreispurigen Kreisverkehr gilt also: Erste Spur für die erste Ausfahrtmöglichkeit, die zweite Spur für die zweite Ausfahrtmöglichkeit, die dritte für alle anderen Straßen, die vom Kreisverkehr abgehen.

Ja, ich gestehe es, mir widerfährt es bei meinen vielen Urlauben im Vereinigten Königreich schon mal, dass ich diese Regel vergesse. Autofahrer, die in solchen Momenten ihre britische Höflichkeit ablegen, erinnern mich dann mit wildem Hupen daran, dass ich mich besser einordnen muss.

Für die vielen Touristen steht es in Edinburgh auf der Straße geschrieben

"Look Right" auf der Princess Street

Für Fußgänger gibt es in Edinburgh eine ganz andere, stetig vorhandene Erinnerung: Auf der Princess Street, eine – wenn nicht die – Hauptverkehrsstraße der Metropole, haben die Stadtväter in gelber Farbe und mit großen Buchstaben an den Bordstein „Look right“ malen lassen.

Und das ist gut so. Denn wir Deutsche, Österreicher oder Belgier, die wir den Rechtsverkehr gewohnt sind, schauen vor dem Überqueren der Straße zuerst nach links. Da wäre es schon fatal, wenn genau in diesem Moment ein Auto oder Bus von rechts anrollt, wenn links die Fahrbahn frei ist.

Tipp: Wenn Ihr mit dem Auto nach Großbritannien fahrt, dann besorgt Euch bitte vor der Reise spezielle Aufkleber für die Scheinwerfer. In Deutschland und den anderen anderen Ländern sind die Scheinwerfer nach rechts in Richtung Fahrbahnrand orientiert.

Im Vereinigten Königreich aber scheinen diese genau in den Gegenverkehr und blenden die Autofahrer. Die speziellen Aufkleber verdecken daher diesen Scheinwerferbereich. Die Sticker erhaltet Ihr zum Beispiel bei den >> Automobilclubs.

Linksverkehr - Schafe können Straßenseire wechseln
Auf dem Land spazieren nicht selten Schafe über die Straße. Fahrt dann langsam oder wartet besser, bis sie auf der anderen Straßenseite sind
Linksverkehr - Schafe können Straßenseire wechseln
Hinter Pitlochry warnen die Bauern die Autofahrer

In 59 Staaten wird links gefahren

Das Vereinigte Königreich ist nicht das einzige Land mit Rechtsverkehr. Japan, Indien und Australien sind drei weitere von insgesamt 59 Staaten. Auf 8 Millionen von weltweit 29 Millionen Kilometern ausgebauter Straßen fahren die Autos auf der rechten Straßenseite, so das World Fact Book 2000. In erster Linie in Ländern die zum Vereinigten Königreich gehören beziehungsweise gehörten.

Das Fahren auf der linken Straßenseite ist keine Grille der Briten. Laut dem Nachrichtensender BBC bewegten sich die Menschen seit der Antike auf der linken Seite der Straße. Das war nur konsequent. Denn

Reiter saßen zum Beispiel von links auf, was sie auch heute noch tun. Soldaten konnten ihr Pferd mit der rechten Hand führen, ohne in den „Gegenverkehr“ zu geraten, und hatten gleichzeitig die linke Seite frei, um bei Gefahr schnell den Säbel zu ziehen.

Das Gebot des Linksverkehrs goss das Vereinigte Königreich 1835 in das als „Highway Act“ bezeichnete Gesetz.

Napoleon hat den Rechtsverkehr eingeführt

Napoleon Bonaparte ist daran Schuld, dass wir auf dem Kontinent heute rechts fahren. Allen Ländern, die er besiegte, legte er das Rechtsfahrgebot auf. Eine eindeutige Erklärung dafür gibt es allerdings nicht.

Manche glauben, es liege damit zusammen, dass er bevorzugt von rechts angriff oder auf der rechten Seite mit seinen Truppen marschierte. Andere Quellen führen es darauf zurück, dass er Linkshänder war, sein Pferd also an der linken Seite führte und damit rechts Raum zum Zücken des Säbels hatte. 

Im Laufe der Jahre und durch den zunehmenden Verkehr schlossen sich auch die anderen europäischen Länder an, zuletzt Schweden im Jahr 1967. 

Die Bayern führten als erste das Rechtsfahrgebot ein

Erst 1910 wurde im Deutschen Reich das Rechtsfahrgebot eingeführt. §21 Abs. 2 der „Verordnung über den Verkehr mit Kraftfahrzeugen“ verpflichtete Autofahrer „eine entgegenkommenden Fahrzeug nach rechts auszuweichen“ – 48 Jahre, nachdem Bayern dies Fuhrwerken auferlegt hatte.

1950 gab es zwar auch im Vereinigten Königreich die Diskussion, auf den Rechtsverkehr umzustellen. Doch mit dem Hinweis auf die Kosten, die die Umstellung verursachen würde, beließen es die Briten alles beim Alten.

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Heiko Kalweit

Freier Fotograf & Journalist

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